Reem aus Saudi Arabien

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REEM* (27) sitzt im weißen Tank Top auf ihrem Bett, während wir miteinander skypen. Mit ihren Eltern und Geschwistern lebt sie, wie sie sagt, in einer Art Schloss in Riad, der Hauptstadt Saudi Arabiens. „Entgegen vieler Klischees darf ich als Frau alleine rausgehen. Ich kann mich treffen, mit wem ich will. Ich darf nur keine sexuelle Beziehung zu einem Mann eingehen. Und ich muss eine Abaya (schwarzes Überkleid) und einen Hidschãb (Kopftuch) tragen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Manche Frauen verhüllen auch ihr Gesicht, aber das ist kein Muss. Ich mache das nicht.“ In sehr vielen Bereichen Saudi Arabiens werden Männer und Frauen voneinander getrennt. Aber nicht in den Malls. Dort treffen beide Geschlechter aufeinander.

Vor kurzem hat Reem ihr Englisch Studium abgeschlossen. „Jetzt bin ich arbeitslos“, sagt sie lachend. Am liebsten würde sie für die saudische Regierung arbeiten, so wie ihr Vater. Aber die Konkurrenz ist groß. Über ihre Mutter sagt Reem: „Sie hat 7 Kinder zur Welt gebracht und als Hausfrau mehr gearbeitet als mein Vater. Sie war immer für alle da. Jetzt ermutige ich sie, mehr für sich selbst zu tun. Ich bringe ihr Englisch bei, zeige ihr Filme auf Netfilx und bestärke sie, sich mehr mit Freundinnen außerhalb des Hauses zu treffen.“

Reem macht einen sehr selbstbewussten, offenen Eindruck, obwohl sie gerade eine schwere Zeit durchmacht. Fünf Jahre lang führte sie eine heimliche Beziehung mit einem Mann, der aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht stammt als sie. Als er um ihre Hand anhält, informiert sie ihre Familie. Doch die willigt nicht in eine Hochzeit ein. „Es war so hart, ihn gehen zu lassen. Aber so ist das Leben. Die Familie ist wichtiger. Den Schmerz, den ich spüre, kann ich aber immer noch nicht in Worte fassen“, sagt sie. Die täglichen Gebete helfen ihr. „Fünf Mal am Tag verbinde ich mich mit Gott und erzähle ihm alles, was mich belastet. Das tut gut.“

 

Wann warst Du das letzte Mal glücklich, Reem?

Unsere Familie trifft sich jeden Tag von 18 Uhr bis 19 Uhr. Wir sitzen dann zusammen und erzählen. Ein Ritual, das in unserer Kultur üblich ist. Das macht mich glücklich.

 

Was kannst Du tun, damit Du häufiger Glück empfindest?

Ich helfe anderen Leuten sehr gerne. Heute habe ich zum Beispiel den 4-jährigen Sohn meiner Schwester zum Kindergarten gebracht und dort Zeit mit ihm verbracht. Meine Schwester war mir sehr dankbar. Sie musste arbeiten und wusste nicht, wie sie alles unter einen Hut bekommt. Je mehr ich anderen helfen kann, desto glücklicher bin ich.

 

Was müsste in Saudi Arabien passieren, damit die Menschen dort glücklicher zusammenleben? Und wie könnte Dein Beitrag aussehen?

Prinz Mohammed bin Salman al-Saud tut sehr viel Gutes für unser Land. Seit einem Jahr dürfen wir Frauen Auto fahren. Neuerdings gibt es ein Festival, das für jeweils einen Monat von Stadt zu Stadt wandert, mit Musik, Spielen, Theaterstücken und einem Basar. Das ist toll. Aber es gibt Menschen in unserem Land, die sich für besonders religiös halten und alles unterbinden wollen, was Freude bringt. Ich halte diese Leute für überhaupt nicht religiös. Sie kommen zum Festival, nur um zu stören. Ich würde mir wünschen, dass sie stattdessen einfach Zuhause bleiben. Aber zum Glück werden sie seit neuestem für ihr Stören bestraft.

Meinen Beitrag sehe ich darin, dass ich vielen Leuten einfach ein Lächeln schenke. Vor ein paar Jahren wäre das noch unmöglich gewesen. Aber jetzt geht das und ich tue es, um anderen eine Freude zu machen.

*Name geändert. Das Foto ist ein Symbolbild, das ich in Abu Dhabi aufgenommen habe.

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Judith Döker