Anand aus Indien

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ANAND traf ich in meiner alten Wahlheimat Mumbai, als ich einen neugierigen Blick hinter die Türen des Adagios warf. Ein Ort, an dem die „analoge Kultur“ gepflegt wird. Wir kamen sofort ins Gespräch und mich berührte, wie bereitwillig er sich öffnete. Er erzählte vom Tod seines Vaters vor ein paar Jahren, der ihn völlig aus der Bahn geworfen hatte.

“Ich dachte, die Leute erwarten von mir, dass ich in seine Fußstapfen trete. Mein Vater war ein Mensch, der emotional, aber auch finanziell immer für alle da war. Deshalb verließ ich nach seinem Tod völlig kopflos meine Heimat und nahm einen Job in Neu Delhi an, der toxisch war. Ich begann, Alkohol zu trinken, Drogen zu nehmen und wurde depressiv. Dann wurde ich gefeuert und hatte noch nicht mal mehr ein Dach über dem Kopf. Der erste Schritt zur Heilung war, Menschen um Hilfe zu bitten, von denen ich eigentlich dachte, dass ich ihnen helfen müsse. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass sie mir gerne halfen und gar nichts von mir erwarteten. Der zweite Schritt zur Heilung war, zurück nach Mumbai zu ziehen, zu meiner Familie und meinen Freunden.“ Im Adagio hat Anand eine Anstellung als Brand Manager gefunden. Die Arbeit macht ihm Spaß.

Wann warst Du das letzte Mal glücklich, Anand?

„Ich finde die Frage schwer zu beantworten, weil ich oft Glück erlebe, es dann aber im nächsten Moment hinterfrage. Ein Beispiel: Ich hatte Pokémon Go auf meinem Handy gespielt und einen sehr seltenen Pokémon gefangen (lacht). In dem Moment war ich total glücklich. Und kurz danach denke ich: Kann mich sowas wirklich glücklich machen?!“

 

Was kannst Du tun, damit Du häufiger Glück erlebst?

„Ich muss noch viel besser auf mich achten. Denn nur wenn ich selbst glücklich bin, kann ich auch andere glücklich machen. Und was ich gerade realisiere: Ich vergleiche ständig mein Leben vor dem Tod meines Vaters mit meinem Leben danach. Dieser Gedanke tut mir nicht gut. Den sollte ich gehen lassen.“

 

Was müsste in Indien passieren, damit die Menschen dort glücklicher zusammenleben? Und wie könnte Dein Beitrag aussehen?

„Laufe erst in den Schuhen eines anderen, bevor Du urteilst. Was ich damit meine: Indien ist sehr divers. Es gibt so viele verschiedene religiöse und kulturelle Gruppierungen. Aber die Politik trifft oft Entscheidungen, ohne die Betroffenen vorher gefragt zu haben, wie es für sie am besten wäre. Ein Beispiel: Gerade hat unsere (Hindu-) Regierung den dreifachen Talaq abgeschafft. Muslimische Männer können ihre Frauen jetzt nicht mehr durch das Aussprechen der Scheidungsformel verstoßen. Das hört sich ja erst mal sehr gut an. Aber ich bezweifle, dass man muslimische Frauen gefragt hat, ob ihnen das Gesetz, in dieser Form, so auch wirklich dient, oder ob es bessere Möglichkeiten gegeben hätte. Oft geht es nur darum, selbst gut dazustehen.

Was mich betrifft: Ich möchte bereit sein, meine Meinung zu ändern, wenn ich feststelle, dass ich mich irre. Ein Beispiel: Ich wuchs in dem Glauben auf, dass es nur Frauen und Männer gibt und es fiel mir schwer, diesen Gedanken zu verabschieden. Aber ich denke, Veränderung beginnt mit mir selbst.“

Teilt Anands Antworten gerne auf Euren Kanälen! Denn geteiltes Glück ist doppeltes Glück🍀

Judith Döker