Sandra aus Frankreich

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SANDRA (40) ist Yogalehrerin aus Frankreich. Ich traf sie während ihres Urlaubs im südindischen Auroville, einer „Zukunftsstadt“, in der 2500 Menschen aus über 50 Nationen zusammenleben. Mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt sie auf La Réunion im indischen Ozean. „In meinem Leben wurde ich mit zahlreichen existentiellen Schwierigkeiten konfrontiert. Vor allem in meinen jungen Jahren.“

Sie erinnert sich noch genau an einen Fernsehbericht über hungernde Kinder in Afrika. „Ich war sieben Jahre alt und zutiefst geschockt. Ich fragte mich, wie Erwachsene zulassen können, dass Kinder verhungern?“ Als Teenager litt sie unter Depressionen, weil sie keinen Sinn im Leben sah. Sie begann zu trinken, Drogen zu nehmen und wachte in irgendwelchen Betten auf. Mit 19 Jahren wurde sie ungewollt schwanger, was all ihre Pläne durchkreuzte. „Ich studierte im ersten Semester Politik und wollte als Reporterin nach Afrika, die Welt verändern. Aber dieses Baby war wie eine Initiation. Zum ersten Mal spürte ich bedingungslose Liebe.“ Mit 23 erkrankte sie an Krebs. Drei Wochen lang lag sie im Koma. „Der erste kleine Spaziergang nach der Nahtoderfahrung war mystisch. Ich spürte das Gras unter meinen Füßen und begriff, wie kostbar dieses Leben ist.“ In ihren Dreißigern entdeckte sie Yoga. „Durch die Praxis lernte ich die verschiedenen Facetten meines Frauseins kennen. Das gab mir sehr viel Kraft, führte aber auch zu Eheproblemen, weil ich plötzlich völlig unabhängig war. Sowohl emotional, als auch finanziell. Wir mussten uns ganz neu ordnen.“

Wann warst Du das letzte Mal glücklich, Sandra?

„Heute morgen, als ich im Matrimandir (Meditationshaus in Auroville, Indien) meditierte. Es ist schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Ich habe etwas gespürt, was ich als Hoffnung beschreiben würde. Ich hatte immer einen sehr pessimistischen Blick auf die Menschheit. Aber heute morgen habe ich etwas ganz anderes gespürt. Das Wort Perfektion kam mir in den Sinn. Noch nie habe ich die Menschheit durch die Brille der Perfektion gesehen. Pure Schönheit, pures Licht, purer Frieden.”

Was kannst Du tun, damit Du häufiger Glück erlebst?

„In meinem Alltag arbeite ich ständig irgendwelche Listen ab. Ich renne von A nach B und komme kaum hinterher. Im Urlaub erlaube ich mir, einfach nur zu genießen, ohne auf die Uhr zu schauen. Dadurch entsteht ein Raum, der mir unglaubliches Glück beschert, ohne dass irgendetwas Besonderes passieren muss. Wenn ich diesen Raum, der außerhalb der Zeit existiert, in meinen Alltag integrieren könnte, wäre ich sehr viel glücklicher. Ich würde wirklich gerne aus diesem ganzen Wahnsinn aussteigen.”

Was sollte in Europa passieren, damit die Menschen dort glücklicher zusammenleben? Und wie könnte Dein Beitrag aussehen?

„Natur ist das erste, was mir in den Sinn kommt. Mehr Kontakt zur Natur. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern Europas aussieht, aber in Frankreich sollten die Städte unbedingt begrünt werden, damit wir uns als Teil der Natur spüren können. Ich habe heute einen Satz gelesen, der mir gefallen hat: „Mutter Erde nährt uns. Immer wenn wir mit ihr in Kontakt kommen, sollten wir innehalten und uns bedanken.“ Mein Mann und ich planen gerade mit 15 anderen Leuten, ein Öko-Dorf in Frankreich zu gründen, wo wir Yogakurse anbieten und unsere eigenen Nahrungsmittel anbauen. Meine größte Motivation ist mein Sohn, der mich ermahnt: „Mama, hör auf, darüber zu reden. Tu was!“