Hamida aus Indien

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HAMIDA (68) ist Witwe und lebt in Mumbai. Kurz nach dem Unfalltod ihres Sohnes hat sie sich das Zeichen des Imams Ali sowie das Wort „Hilfe“ auf ihren rechten Unterarm stechen lassen, obwohl Tätowierungen in ihrer muslimischen Gemeinde streng verboten sind. „Das Tattoo ist etwas zwischen Gott und mir und geht sonst niemanden etwas an. Ich war schon immer sehr eigen“, sagt sie und lacht. Trotz drei Kindern hat sie ihr Leben lang gearbeitet, was für Frauen ihrer Zeit und Kultur sehr ungewöhnlich war. Sie begann als Telefonistin und arbeitete sich bis zur Managementebene in einem Ölkonzern hoch. „Ich wollte immer unabhängig sein. Aber es war mein Mann, der mich animierte, mich kontinuierlich weiterzubilden. Ich begann sogar eine Promotion zum Thema „Empowerment of Women in India“, aber dann starb mein Sohn. Mal schauen, vielleicht beende ich meine Doktorarbeit irgendwann noch.“

Wann warst Du das letzte Mal glücklich, Hamida?

„Ich wuchs in einem reinen Frauenhaushalt auf. Ohne Vater und Brüder. Meine Schwiegermutter pflanzte in mir den Zweifel, dass ich niemals einen Jungen zur Welt bringen kann. Deshalb betete ich zu Gott: Sollte ich keinen Jungen bekommen, verlierst Du eine Anhängerin. Ja, so habe ich damals mit ihm gesprochen. Ich war wohl ziemlich unreif (lacht). Die 25 Jahre, die ich mit meinem wunderbaren Sohn verbrachte, waren die glücklichsten meines Lebens. Er machte unsere Familie komplett.“

 Was müsste in Deinem Leben passieren, damit Du häufiger Glück erlebst?

„Ich bin mit der politischen Situation sehr unglücklich – nicht nur in Indien, sondern weltweit. Wieso können wir nicht wirklich global denken? Jeder Mensch sollte sich frei auf dieser Erde bewegen können, ohne Begrenzungen. Wir sollten unser Gegenüber als menschliches Wesen wahrnehmen. Seit meiner Pensionierung verbringe ich jeden Tag rund 7 Stunden in Meditation und bitte Gott, eine Welt zu erschaffen, in der Menschlichkeit herrscht. Ich bete für alle Menschen und für ihr Glück.“

Was müsste in Indien passieren, damit die Menschen dort glücklicher zusammenleben?

„Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn die Briten das Land noch für weitere 10 oder 20 Jahre regiert hätten. Wir waren noch nicht reif für die Unabhängigkeit. Seitdem werden wir von Politikern regiert, die das Land ruinieren. Vor allem die aktuelle Modi-Regierung gefällt mir gar nicht. Auch der Krieg zwischen Indien und Pakistan ist völlig unnötig. Für so viele Berufe braucht man eine gute Ausbildung, aber nicht, wenn man dieses Land regieren will. Warum?“

Judith Döker