Amirdokht aus Iran

 
 
 

Amirdokht (23) studiert Drehbuch in Teheran. Am liebsten reist sie mit dem Bus kreuz und quer durchs ganze Land. Häufig alleine. Angst hat sie keine, und dennoch ist die Angst ihre größte Herausforderung. „Sie kommt plötzlich. Und sie ist tief. Vielleicht ist es die Angst vor dem Leben. Ich habe mich mit ihr beschäftigt und herausgefunden, dass mich die Hoffnung rettet. Überhaupt habe ich mir vorgenommen, mich vollkommen anzunehmen und mich so zu lieben, wie ich bin, mit all meinen dunklen Seiten und auch den unschönen Gedanken, die ich noch in mir trage. Leicht ist das nicht, aber es ist der einzige Weg, um wirklich ich selbst zu sein.“

 

Wann warst Du das letzte Mal glücklich, Amirdokht?

„Gerade eben, als ich mir ein Motorrad-Taxi genommen habe. Der Fahrer raste mit neunzig km/h durch Teheran. Ich schloss die Augen und sagte zu mir: Ich vertraue dem Fahrer und ich vertraue Gott, dass wir keinen Unfall haben werden. Das war eine gute Übung in Vertrauen. Und es hat großen Spaß gemacht.“

 

Was kannst Du tun, damit Du häufiger Glück erlebst?

„Ich möchte mich noch langsamer durch mein Leben bewegen, damit ich die Stille, die von der Natur ausgeht, spüren kann. Denn wenn ich mich schnell bewege, kann ich die Natur zwar sehen, aber ich kann sie nicht wahrnehmen. Ich mag die Langsamkeit.“

 

Was müsste in Deinem Land passieren, damit die Menschen dort glücklicher zusammenleben?

„Menschen, die Hunger leiden, sind nicht in der Lage, sich mit ihrer inneren Weisheit zu verbinden, weil sich alles nur um die Frage dreht: Was kann ich tun, um nicht zu verhungern? Und dies meine ich im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne. Unser Boden ist sehr fruchtbar und unser kulturelles Erbe ist reich. Niemand muss Hunger leiden. Die Regierung sollte dafür sorgen, dass alle genug zu essen haben. Ein echter Wandel kann aber nur stattfinden, wenn wir uns nicht länger mit unseren Sorgen identifizieren, sondern mit unserer Weisheit. Die Sorgen machen uns blind für uns selbst.“

Teheran, Iran, März 2021