Mahira aus Indien

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MAHIRA (39) ist Muslimin und lebt in Mumbai. „Als unverheiratete Frau spüre ich schon den Druck der Gesellschaft. Aber ich möchte mich diesem Heiratsdruck nicht hingeben, nur weil es Tradition ist. Familie kann man auf so unterschiedliche Weise leben. Ich könnte mir auch vorstellen, ein Kind zu adoptieren, oder ein fremdes Kind zu unterstützen.“ Ihre Eltern haben ihr nie Vorschriften gemacht, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, nur weil es im Koran steht. Sie sagten immer: „Folge Deiner Religion, aber benutze auch Deinen eigenen Kopf.“ Nach dem Tod ihres Bruders hat sie nach etwas gesucht, was ihr Freude bereitet und landete beim Bauchtanz. „Aber es ist mehr als nur der Tanz. Es ist die Gemeinschaft mit den Frauen.“ Sie kündigte ihren Job als Store Managerin bei Escada und unterrichtet seitdem Bauchtanz. (Zur Info: Mahira ist die Tochter von Hamida.)

Wann warst Du das letzte Mal glücklich, Mahira?

„Meine Nichte (14) kam am selben Tag zur Welt wie mein Bruder, der vor 10 Jahren bei einem Autounfall starb. Die beiden teilten eine wunderbare Verbindung. Immer wenn ich meine Nichte sehe, sehe ich auch meinen Bruder. Das macht mich glücklich.”

Was müsste in Deinem Leben passieren, damit Du häufiger Glück erlebst?

„Ich habe innerhalb kurzer Zeit die Geburt meiner Nichte und den Tod meines Bruders und meines Vaters erlebt. Das hat mich sehr verändert. Heute bin ich ein sehr viel zufriedenerer Mensch. Und wenn Unzufriedenheit aufkommt, versuche ich, nicht daran festzuhalten, sondern sie einfach wieder gehen zu lassen.”

Was müsste in Indien passieren, damit die Menschen dort glücklicher zusammenleben? Und wie könnte Dein Beitrag aussehen?

„Bildung. Bildung. Bildung. Wir brauchen unbedingt mehr Bildung. Und zwar nicht nur, was unsere Geschichte anbelangt, sondern vor allem auch, was unsere heutigen Belange betrifft. Wir nennen uns eine Demokratie, aber die Hälfte der Menschen hier hat kaum eine Ahnung von ihren Rechten und unseren Gesetzen. Außerdem sollten wir Frauen uns viel stärker in der Politik engagieren, anstatt uns darüber zu beklagen, dass wir nur Bürger zweiter Klasse sind.

Meinen Beitrag sehe ich darin, die Frauen in meinen Bauchtanz-Klassen darin zu ermutigen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Bauchtanz kann sehr anmutend und würdevoll sein, aber auch vulgär – das hängt aber nicht von der Figur der Frau ab, sondern von ihr selbst. Ich möchte ihnen Selbstbewusstsein mitgeben. Aber es braucht noch viel Veränderung in der Gesellschaft, damit es den Frauen leichter gemacht wird, die zu sein, die sie auch wirklich sind.”

Judith Döker